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Am Rand der Klippe-2

Gleich da oben ist er, der Ort, an dem alles seinen Lauf nahm. Die spitzen Steine stechen in meine Fußsohlen und das Gewicht des Rucksackes drückt mich zu Boden. Der Schweiß rinnt mir über die Schläfe und sammelt sich zwischen meinen Schulterblättern. Trotzdem verlangsame ich mein Tempo nicht. Nur noch ein paar Schritte und ich bin ganz oben auf dem Berg. Ich berühre das Kreuz, so wie wir es immer taten, spüre das raue Holz unter den Fingern. Damals holten wir unsere Handys hervor und schossen Selfies von unseren verschwitzten Gesichtern mit dem Kreuz und den Bergen im Hintergrund. Ich hatte hunderte solcher Bilder. Jedes ein Souvenir an unsere Bergtouren.

Jetzt mache ich keines. Wie hätte ich in die Kamera lächeln können, wenn ich innerlich so tot bin? Wie jedes Jahr, wenn ich an diesem Tag hier stehe, fließen mir die Tränen lautlos über die Wangen. Das Bergpanorama umringt mich, als würde es mich umarmen. Der Anblick der mit Schnee bedeckten Spitzen weckt etwas in mir. Die Sehnsucht nach der Zeit mit ihm, die sich nicht wieder zurückholen lässt. 

Ich setze mich an den Rand der Klippe, ziehe die Schuhe aus und lasse die nackten Füße baumeln. Unter mir sehen die Tannenbäume aus wie kleine Ameisen. Ich drehe am Ring, den er mir an den Finger gesteckt hat, mit dem Versprechen, mich für immer zu lieben. Wir waren so glücklich gewesen und dann …

Ich werde den Ausdruck auf seinem Gesicht nie vergessen, als er fiel. Die Augen weit aufgerissen, den Mund geöffnet, aber kein Laut kam raus. Zehn unendlich lange Sekunden, dann der Aufprall, als hätte jemand weit entfernt eine Melone auf den Boden geschmettert.

Etwas in meiner Brust krampft sich zusammen. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Nun heule ich alles aus mir heraus. Meinen Frust, meine Wut, meine Traurigkeit. Mein Schluchzen hallt als Echo zu mir zurück und weckt Erinnerungen an die Zeit, als wir beide hier waren. Wir haben laut gelacht, übermütig mit den Händen Trichter um den Mund geformt und unsere Namen gerufen. Nun ist es für immer vorbei. Und ich muss damit abschliessen.

Mit einem Ruck ziehe ich den Ring vom Finger, hole aus und werfe. In einem großen Bogen fliegt er durch die Luft und fällt tiefer und tiefer, bis er nicht mehr zu sehen ist. Die Tränen fließen immer noch, ich jedoch gebe keinen Laut mehr von mir. Wir wollten heiraten und Kinder kriegen. Viele Kinder. Ein Haus auf dem Land mit einem großen Garten. Wir wären eine glückliche Familie – wenn er nicht mit dieser Schlampe geschlafen hätte. Dann hätte ich ihn nicht von der Klippe stoßen müssen.

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