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Am Rand der Klippe-5

Da drüben war sie, Susanna, und füllte Sekt in zwei Gläser, wie jedes Mal vor einem großen Auftritt. Nur dass wir heute nicht auf sie, sondern auf mich anstoßen würden. Ich stieg die Treppe hoch auf die Bühne und legte die Hand ans Mikrofon. Sanft strich ich darüber und stellte mir vor, wie ich am Abend hier singen würde. Obwohl die Plätze noch menschenleer waren, stand schon alles bereit. Leuchtend rot stachen die Stühle zwischen den Aluminiumtischen hervor. Sie passten so gut zu dem gleichfarbigen Kleid auf meinem Zimmer. In mir loderte die Flamme der freudigen Erwartung. Ich schloss die Augen, reckte die Nase in die Luft und schnupperte zum ersten Mal in meinem Leben Erfolg. Köstlich!

»Das hast du dir verdient«, hatte mir Friedrich ins Ohr gehaucht. »Du wirst das Publikum mit deiner Stimme in den Bann ziehen.«

Ich hatte gelächelt und dann war mein Gesicht zwischen seinen Beinen verschwunden. Beim Gedanken daran schüttelte es mich innerlich und ich hätte am liebsten gewürgt, aber es hatte sich gelohnt. Ich atmete noch einmal tief ein und wieder aus, öffnete die Augen und zuckte zusammen. Eben noch beim Sekttisch stand Susanna direkt vor mir.

»Auf dich.« Sie reckte mir ein Glas entgegen. Die Kohlensäure sprudelte verlockend. Mein Hals war ganz trocken und sehnte sich nach der Flüssigkeit.

»Wie aufmerksam von dir.« Ich setzte mein Bühnenlächeln auf und nahm das Glas entgegen. Aus dem Augenwinkel musterte ich sie. Ein graues Mäuschen abseits der Bühne. Nur wenn das Scheinwerferlicht die Tonne Make-Up auf ihrem Gesicht zum Strahlen brachte, machte sie was her. Singen allerdings konnte sie, viel besser als ich. Jahrelang hatte sie auf einen Auftritt wie diesen hingearbeitet und dann hatte ich Friedrich innerhalb von zwei Minuten davon überzeugt, dass ich die bessere Wahl war. Fast tat sie mir leid, dass sie nun auf der Ersatzbank sitzen musste. Aber nur fast.

Ich nahm einen Schluck Sekt. Der herbe Geschmack explodierte in meinem Mund. So schmeckte Erfolg. Am liebsten hätte ich das ganze Glas auf einmal hinuntergestürzt.

»Bist du aufgeregt wegen heute Abend?« Susanne stand immer noch eine Stufe tiefer als ich und schaute zu mir hoch. »Alle Plätze sind ausverkauft, hat Friedrich gesagt.«

»Ich war noch nie so entspannt.« Mein Magen blubberte und verströmte eine angenehme Wärme, als wollte er meine Aussage bestätigen.

Sie nippte nachdenklich am Glas. »Genieß es.«

Das musste sie mir nicht zweimal sagen. Nun kippte ich den Rest doch in einem Zug runter.

»Sachte, sachte!« Sie gluckste. »Alkohol verträgt sich nicht mit Medikamenten.«

»Ich nehme keine Tabletten.« Sogar die letzten Tropfen schlurfte ich aus dem Glas, wie eine Süchtige. Als ich wieder aufschaute, war da auf einmal nicht mehr nur eine Susanne, sondern zwei. Ich blinzelte. Jetzt waren es drei. Ich blinzelte nochmals. Nur noch eine. Was ging hier vor? Ich torkelte zwei Schritte zurück und es fühlte sich an, als würden meine Beine jeden Moment einknicken.

»Vorsicht!«, ermahnte mich Susanne und packte meinen Arm. »Vielleicht solltest du dich hinlegen.«

Sie drückte mich unsanft zu Boden und beugte sich über mich. Alles drehte sich, drehte und drehte wie ein Karussell. Immer wieder tauchte Susanne vor mir auf. Ihr Lächeln irritierte mich. Warum … Ich schnappte nach Luft. Ein Gedanke stahl sich in meinen Kopf und füllte ihn aus. Es fühlte sich an, als würde sich ein Band um meine Brust legen und ordentlich zugezogen werden. »Du … Miststück …«

»Ich bin das Miststück?« Ihr Lächeln verschwand. Stattdessen verengten sich ihre Augenbrauen. »Meinst du, ich wüsste nicht, dass du den Auftritt deinen dicken Möpsen zu verdanken hast?«

»W-w-was war im Sekt?« Ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Selbst das beste Make-Up hätte da nichts mehr ausrichten können.

»Keine Angst«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Du stirbst nicht. Schließlich sollst du meinen großen Auftritt nicht verpassen.«

Dann versank die Welt in Dunkelheit.

Das ist eine Kurzgeschichte, die ich für das Projekt 1B2G geschrieben habe. Zwei Autorinnen schreiben zu einem Bild unabhängig voneinander zwei Geschichten. Diese wurden in einem Buch veröffentlicht. Der Reinerlös des Buches kommt zwei wohltätigen Stiftungen zugute: dem Verein Herzkinder Österreich mit Sitz in Linz und die Kinderherzen Stiftung München. Mehr Informationen, weitere Kurzgeschichten und die Möglichkeit, das Buch für einen guten Zweck zu erwerben, findest du auf der Webseite von 1B2G.


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